Franz Xaver Kroetz
Bauern sterben
 
 

Fluch(t) in Blut, Dreck, Kot
Judith Rathmaier
NEUE Vlb Tageszeitung 24.6.1995



     

Kroetz' ,,Bauernsterben"
Fluch(t) in Blut, Dreck, Kot

Erstmals in Österreich führte das Projekttheater Vorarlberg am Donnerstag das Kroetz-Stück ,,Bauemsterben" auf - eine beeindruckende Inszenierung.

Es ist das tiefste Elend des menschlichen Daseins, das Kroetz in seinem ,,Bauernsterben" in den zwei Theaterstunden dem Zuschauer komprimiert vor Augen führt Von Beginn an fällt Betroffenheit wie ein bedrückender Schleier über Bühne und Publikum, nimmt gefangen und zieht hinab in die Abgründe der menschlichen Existenz. Eine Existenz, die nur mehr ein lebenslanges Warten auf den Tod zu sein scheint.

Suche nach Heimat 

Genau diesem Schicksal versuchen Sohn und Tochter der dargestellten Bauernfamilie die Stirn zu bieten und werden doch nur vor den Kopf gestoßen. Die Flucht vor dem elenden Leben in der Heimat in die verlockende Stadt wird zur Flucht vor sich selbst und zur Suche nach Glück, Identität und wiederum Heimat, die es nirgends zü geben scheint.

Dreck, Blut, Fäkalien 

Walter Hiller, der inszenierte, läßt die Schauspieler des Projekttheaters in einem Raum (Bühne: Gerd Thaller) auftreten, der für das Stuck erschaffen scheint Auf den abweisend kühlen, peinlich sauberen, leblosen Kacheln des alten Stella-Hallenbades breiten sich Dreck, Blut und Fäkalien als eine Art leitbildhafter Requisiten aus. Die eitrigen, aufplatzenden Geschwüre des Vaters, sein wildes Wühlen im Dreck des Muttergrabes, die Fehlgeburt der Tochter während der Leichenwäsche der Großmutter, der Sohn, der, gleich Jesus am Kreuz, an einer Blutspendekonserve hängt, um für diese Geld zu bekommen - alles bedeutet Abscheu und Ablehnung. In diesem Dreck leuchtet einzig die weiße Figur Jesus' am Kreuz, der die Flucht - den Kreuzweg - aus der Heimat und wieder dorthin zurück begleitet. Zwei Stunden Betroffenheit, nicht nur wegen der Tragik und der Dichte des Stücks: Die Schauspieler des Projekttheaters - allen voran Dietmar Nigsch als Sohn und Maria Hofstatter als Tochter beeindrucken und überzeugen durch eine grandiose Intensität im Audruck. Ganz klar tritt durch sie der Antagonimus zwischen der rohen Derbheit der Sprache und den verletzlichen Seelen mit ihren primitiv scheinenden Träumen zutage.