Ulrich Hub
Fräulein Braun
 
 
 

Christa Dietrich
Vorarlberger  Nachrichten 15.1.2000 
Grausame Konsequenz des  Rollenverhaltens 

     

Grausame Konsequenz des Rollenverhaltens 
Mit "Fräulein Braun" konzentriert sich das Projekttheater auf wesentliche Themen 

"Leute wie dieses Fräulein Braun, das über die Kühe auf dem Obersalzberg nicht hinausschaut und keinen Gedanken an politische Hintergründe verschwendet, geben den Diktatoren dieser Welt erst ihre Chance", schrieb ein Hamburger Blatt nach der Uraufführung des Stücks "Fräulein Braun" von Ulrich Hub. Eine grundsätzlich nachvollziehbare und zu unterstreichende Schlussfolgerung, denn das Stück zeigt auch die grausame Konsequenz angepassten Rollenverhaltens. Auf diese Thematik stützt sich die jüngste Inszenierung des Projekttheaters Vorarlberg - eine wesentliche im Theatergeschehen der Region und darüber hinaus.

Freilich, wer jenem Verhalten, das diese Frau - die historisch verbriefte Geliebte von Adolf Hitler - an den Tag legt, gleich die Tragödie etwaiger Unrechtsregimes zur Last legt, macht es sich auch etwas leicht. Mächtige, Patriarchen, Kirchenmänner etc. haben die Rollenmuster (im Besonderen die zwischen den Geschlechtern) so festgelegt, dass die Position möglichst lange unangefochten erhalten bleiben kann. Psychologische Maßnahmen oder politische Leitbilder, die das Unrechtsempfinden angesichts eines missachteten Gleichheitsgrundsatzes (nicht nur zwischen den Geschlechtern) schmälern sollen, sind bis heute allgegenwärtig - sind gerade in letzter Zeit auch wieder stärker präsent.

Abseits jeglichen Phänomens 

Es kann hier natürlich keineswegs darum gehen, das Verhalten dieser Frau mit Angepasstheit auch nur in Teilen zu entschuldigen. Textautor Ulrich Hub gelingt es jedoch, angesichts dieser Figur solche Themen konkret aufzuwerfen und jeglichen - in diesem Zusammenhang absolut widerwärtigen - Voyeurismus erst gar nicht aufkommen zu lassen. Es ist der Verdienst der Inszenierung von Walter Hiller (Ausstattung: Renate Schuler), die Überhöhung derart fortgeführt zu haben, dass über aller Grausamkeit und bodenloser Banalität ein Geflecht sichtbar wird, das die Auseinandersetzung über erwähntes Rollenverhalten, Sadismus, die Gefahr, die mit der Kommerzialisierung von Gefühlen einhergeht, etc. - abseits eines oft zitierten Phänomens - möglich macht.

Maria Hofstätter pendelt präzis zwischen enormer Überhöhung und einer Annäherung an die Figur, die genau dort endet, wo sie allzu greifbar werden könnte. In völliger Distanziertheit macht Dietmar Nigsch, als eine Art Conférencier klar, welchen Part er in diesem "Stück für eine Komödiantin und einen deutschen Schäferhund" innehaben könnte. Dass auch hier eine Banalität des Bösen zum Vorschein kommt, ist ein gelungener Angriff gegen jegliche Dämonisierung, der sich schon allzu viele (neben Historikern auch Künstler) strafbar gemacht haben.