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Robert Schneider |
Die Angst liegt auf der Lauer Die Angst ist es, die dieses Stück beherrscht, Dietmar Nigsch redet, schreit und kämpft jedoch nicht mehr mit jener Vehemenz dagegen an, wie man es in ,,Dreck"-Aufführungen mit dem von Hamburg bis zum Bodensee berühmt gewordenen irakischen Rosenverkäufers schon erlebt hat, er ist bereits jene Figur, die zu verbergen sucht. Maskenhaft beginnt sein Redeschwall, und maskenhaft grausam endet er. Dazwischen hat die Angst viele Gesichter, Spiegelungen zwischen Bühne und Publikum traten nach zutage bei der Premiere der ,,Dreck"-Produktion des ,,Projekttheaters Vorarlberg" am Saumarkttheater. Regisseur Walter Hiller und Schauspieler Dietmar Nigsch scheinen sich in einem Punkt absolut einig zu sein: Beide sind überzeugt von der hohen Qualität, von der Ergiebigkeit der Sprachkomposition des Vorarlberger Autors Robert Schneider. Wir befinden uns nicht mehr in der schäbigen Behausung eines Ausländers in einer deutschsprachigen Stadt, die Atmosphäre ist eine ,,künstliche", ein Tuch ist vom Boden aus über die Rückwand gespannt, einem Fotostudio gleich, auf dem Stuhl mit dem orientalischen Teppich könnte immer wieder eine andere Person Platz nehmen, betrachtet werden, wie ja auch die Figur des Sad in diesem Stück austauschbar ist. (Womit endlich einmal auch szenisch verdeutlicht wurde, warum wir über die Person selbst so wenig erfahren.) Das Konzept geht auf Nigschs Einstieg in den Text ist gewöhnungsbedürftig, wüßte man nichts über seine mit dem ,,Projekttheater Vorarlberg" bereits erbrachten Leistungen, könnte man stutzig werden, wenn er seine Vorstellung ,,Ich heiße Sad. Ich bin dreißig Jahre alt... usw." brav aufsagt. Doch das Konzept geht auf. Die Angst hat von diesem Sad schon derart Besitz ergriffen, daß er die Verzweiflung nicht mehr offen auszudrücken wagt, wir erkennen sie hinter der Fassade, im Text, und wenn er dann zum Trommelwirbel (den er selbst erzeugt) doch schreit ... ,,Haß ist so etwas ganz Großes", sagt er, und in der Offenheit, in der uns dieser Satz durchdringt, ist er überaus beängstigend. Die Verinnerlichung des Ausländerhasses der Deutschsprachigen gipfelt in einem Schuldbekenntnis: ,,Dafür bin ich ganz allein verantwortlich", kommt diesem Sad in einer Leichtigkeit über die Lippen, die enorm beklemmend ist. Kein Funken Larmoyanz ist mehr spürbar. ,,Lügen ist eine Mentalitätssache bei uns. Das hängt mit dem Erbgut zusammen", sagt er und grinst. Und schließlich fordert er uns ja auf, mit dem Dasein der Ausländer in unserem Land ein Ende zu machen, entblößt dazu irrationale Ängste (der ,,Inländer"), Populisten und geistige Kleinkrämer, die nicht einmal merken, wie sehr sie sich selbst bedrohen und betrügen. Sicher gut, daß es nach der nicht ganz befriedigenden Festspiel - Volkstheaterproduktion dieses Stücks jetzt noch eine gibt, die dem Publikum noch einige Zeit zur ,,Verfügung" steht. Apropos ,,Leica": Jenes vermeintlich ,,deutsche" Wort, von dem Sad sogar träumt, müßte schon auf den Facettenreichtum des Textes, den Hiller berücksichtigt, hinweisen. |