Walter Jens
Ich, ein Jud ... 
 
 

Jesus hätten sie 
wie mich ins Gas gejagt
Christa Dietrich
Vorarlberger Nachrichten 3.4.1995



Jesus hätten sie wie mich ins Gas gejagt
Projekttheater mit der Verteidigungsrede des Judas Ischarioth in der Johanniterkirche Feldkirch

Judas als Feindbild - die Nationalsozialisten untermauerten u. a. damit ,,bequem" den Genozid am jüdischen Volk, die katholische Kirche hat an sich die Grundlage dafür mitgeschaffen. In verschiedenen Kirchen realisiert das Projekttheater nun die Verteidigungsrede des Judas - der geeignete Rahmen für Theateraufführungen dieser Art. In Feldkirch war es nun die Johanniterkirche.

Das Gebäude verleiht dem Stück nach der Premiere in der Wiener Ruprechtskirche (über die die ,,VN" berichteten) eine weitere Dimension. Der in Renovation befindliche Sakralraum vermittelt eine Art Aufbruchstimmung. Die offenen Grabungsarbeiten könnten - wenn man so will - als sichtbare Zeichen einer Vergangenheitsbewältigung gedeutet werden, die der Text ja schließlich fordert. Wenn die Amtskirche zur Zeit auch nicht viel von solchen Bestrebungen verlauten läßt, so haben einzelne Pfarrherren, die Aufführungen in den Kirchen befürworteten, Bereitschaft zur Auseinandersetzung bekundet.

Der prominente Autor Walter Jens nennt die Tat des Judas in seinem Stück ,,Ich, ein Jud" nicht Verrat, sondern Gehorsam, Judas habe sich dem Rollenspiel auf  Leben und Tod um Jesu Willen gestellt. Thematisiert werden die Fehlinterpretation der Evangelisten und die Borniertheit des Kirchenvolkes, das Judas Ischarioth zum fast schauerlichen Feindbild ausmalte. Im Mittelpunkt steht nicht der konsequente historische Abriß (der im Rahmen eines Theaterstückes ohnehin nur bruchstückhaft möglich wäre), sondern der Gegenwartsbezug: ,,Ich bin ein Jud, der (Jesus) war es auch, den hätten sie genauso wie mich ins Gas gejagt."

Dimension des Opferseins 

Hier verteidigt sich ein Mensch, und hier klagt er an, das menschliche Schicksal hat Regisseurin Evelyn Fuchs unterstrichen. Dietmar Nigsch durchlebt und durchleidet den Monolog, und wer schon mehrere Projekttheaterproduktionen gesehen hat, der konnte erfahren, daß er sein Darstellungsspektrum ausweiten konnte. Nigsch ist dennoch kein lauter Ankläger, in den leisen Zwischentönen zeigt er mehr Stärke als in der harten Konfrontation, in der er in dieser Bühnensituation (neben dem schlichten Holz kreuz) zum Publikum aufblicken muß. Zwischentöne bringt zudem der Engel (Christine Wagner) ein - ein Klagegesang, der einerseits die Traurigkeit des Geschehens kommentiert und uns die Dimension des Opferseins näherbringt.