Suzanne van Lohuizen
Der Junge
im Bus

 

Ein gelungener Versuch
Charlie Weber
NEUE Vlb Tageszeitung
4.9.1989



     

Ein gelungener Versuch

"Kommt mal mit, ich muß euch eine Geschichte erzählen." So beginnt ein Theatererlebnis der ganz besonderen Art. Die Zuschauer, in blau-weißen Matrosenjäckchen als Kinder verkleidet, begleiten den zwölfjährigen Wichard in seinen Bus. St. Gerold war die erste Station des Projekttheaters, das mit dem Stück ,, Der Junge im Bus" die österreichische Erstaufführung auf vier Rädern feiert. Ein mehr als gelungener Versuch!

Ein umgebauter Postbus ist Schauplatz einer außergewöhnlichen Aufführung. Außergewöhnlich in mehrerer Hinsicht: Da ist zunächst das Stück selbst. Die holländische Autorin Suzanne van Lohuizen schrieb ,,Der Junge im Bus" für Menschen ab zehn Jahren, Theater für Kinder und Erwachsene also. Wobei das Kindliche, Naive die äußere Darstellungsform prägt, so wie die Matrosenjacken, die aus den erwachsenen Zuschauern Kinder machen. Unter dieser Oberfläche verbirgt sich ein zu tiefst menschliches Schicksal, für das die Welt des Kindes den Deckmantel liefert: Die Geschichte des zwölfjährigen Wichard, Richard, wie er eigentlich heißt, ist das Produkt einer unglücklichen Liaison seiner Mutter mit einem Matrosen, der an der strengen Erziehung durch seine Mutter zugrunde geht. Gerade das Kindsein wird dem Jungen zur Hölle gemacht; er darf sich nicht bekleckern, nicht auf dem Teppich spielen, seine Katze ,,Birne" wird ihm von der Mutter weggenommen. Und so flüchtet sich Wichard in eine Scheinwelt, wird nach außen hin zum schwer erziehbaren Kind, wird ,,verrückt" - wie er den Zuschauern gleich nach dem ,Be treten des Busses versichert. Apropos Bus: Der ist ein Geschenk seiner Mutter zum 12. Geburtstag, um sich jeglicher Verantwortung endgültig zu entziehen.

Und so fährt Wichard, inzwischen erwachsen, mit seiner Begleiterin Karolien kreuz und quer durch die Welt. Der dritte Passagier ist seine Mutter, in Wichards Visionen genauso real wie für das Publikum. Nur Karolien ,,sieht" sie nicht, wirkt als beruhigender Gegenpol - veranschaulicht durch die Raumaufteilung im Bus. Nach 50 Minuten ist der ,,Spuk" vorbei, ist die Geschichte erzählt. die Kinder, sprich das Publikum, waren aufgefordert, den Bus zu verlassen.

Außergewöhnlich ist auch die Leistung des Ensembles: Dietmar Nigsch als Wichard überzeugt hautnah, läßt die Zuschauer an seiner Zerrissenheit teilnehmen. Katrin Bene als Reisebegleiterin (Sozialhelferin?) und Vermittlerin besticht durch ihre ruhige Ausstrahlung, während Christine Aichberger als strenge Mutter es versteht, Aggressionen in Wichard und dem Publikum zu erwecken.