Jim Cartwright
Ich leckte das Deodorant einer Nutte
 

Brigitte Kompatscher
NEUE Vlb Tageszeitung 7.5.1999
Namenlos bis zum Schluß

     

Namenlos bis zum Schluß 

Das Projekttheater Vorarlberg spielt im Hallenbad im Feldkircher Reichenfeld "Ich leckte das Deodorant einer Nutte" des Engländers Jim Cartwright. 
 
Die untersten Schichten der Gesellschaft, Personen an deren äußersten Rändern, in denen Schreien oder Flucht aus der existierenden Realität zu einzig möglichen Überlegensstrategien werden, beinhalten in Jim Cartwrights Stück "Ich leckte das Deodorant einer Nutte" dennoch den Boden für das Aufkommen einer Liebesgeschichte. Zwei kaputte Existenzen ohne Perspektiven: Ein verängstigter, einsamer Mann und eine Frau, eine alternde Prostituierte, deren Lebensinhalt der Drogenkonsum bildet, weil es für sie die einzige Möglichkeit scheint, das Leben überhaupt noch zu ertragen, finden sich gemeinsam wieder. Die verzweifelte Hoffnung dem Alleinsein zu entrinnen, läßt die beiden zu ungleichen und doch seelenverwandten Verbündeten werden, um der Gesellschaft zu trotzen. 

Abgestumpft und roh gebärdet Sie sich, ihren eigentlichen Namen hat sie vergessen. Sie ist ein Produkt dessen, was ihre Vergangenheit, ihr Leben, Männer aus ihr gemacht haben: eine Nutte. Er lebt dahin, befriedigt seine Sehnsucht nach Zwischenmenschlichem, nach Gefühlen mit dem Lecken ihres Deodorants. 

Walter Hillers Inszenierung des Stücks lotet die schauspielerischen Möglichkeiten seiner DarstellerInnen Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch zur Gänze aus und schafft eine beklemmende, unter die Haut gehende Interpretation. Maria Hofstätter ist eine phantastisch vulgäre, aufdringliche Nutte, ohne daß dabei die sensibleren Zwischentöne verloren gehen. Berührend das Bild, wo sie den zusammengeschlagenen Mann an der Mauer stützt, ihn herumschleppt. Die Vereinsamung des Mannes ist deutlich sichtbar, leise erzählt er seine Geschichte, die von Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Nicht einmal in Ansätzen ist die Gefahr eines Abgleitens in Klischees oder plakative Sentimentalität vorhanden. Mit ehrlicher und glaubwürdiger Offenheit schaffen Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch die schwierige Gratwanderung in einem Stück, in dem Zorn, Wut und Resignation dominieren. 

Die beiden Menschen werden nicht zu einem Paar, jede(r) bleibt sich selber treu, bleibt, was er/sie ist und konstruieren dennoch eine Gemeinschaft, deren Zusammenleben symbiotischen Charakter hat.