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Walter Hiller/Silvia Bra
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SPLITTERNACKT IM GERICHTSSAAL "Sokrates - Kassandra" heißt die neue Produktion des Projekttheaters Vorarlberg. Zwei historische Figuren stehen im Licht der Nachwelt - und sozusagen splitternackt im Feldkircher Schwurgerichtssaal. Eine Produktion, die ihre Tücken hat, sich aber bei aller Aktualität gegen momentane Trends richtet. Theaterstücke dort zu realisieren, wo ein Bezug zur Thematik herstellbar ist, ist logischerweise gerade in der freien Szene eine gängige Methode. Nicht immer sind diese Räumlichkeiten dann so bespielbar, daß das Publikum auch einen entsprechenden Nutzen hat, und nicht selten agieren die Schauspieler in den Einkaufspassagen, Bahnhofswartehallen oder unter freiem Himmel dann doch nicht anders als auf den herkömmlichen Podien. Das Projekttheater suchte die Stätten der Macht oder Rechtsprechung und war schließlich im Schwurgerichtssaal willkommen, wo das Sokrates-Gerichtsurteil ohnehin seinen idealen (nur bei oberflächlicher Betrachtung plakativ wirkenden) Rahmen erhielt und die Kassandra-Geschichte - so wie die Schauspielerin die Bänke der Rechtssprecher in Besitz nimmt - zur subtilen Anklage wird. Theatermacher wissen um die Wirkung von Musik, Licht und Farben. Der enorme Publikumserfolg von Heiner Müllers grandioser "Arturo Ui"-Inszenierung am Berliner Ensemble ist vermutlich auch auf einen, die Produktion umrahmenden, Pop-Evergreen zurückzuführen, der voll in den Bauch fährt. Frank Castorf heizt dem Publikum schon im Foyer der Volksbühne ein, dasselbe macht Hans Gratzer am Wiener Schauspielhaus, und das Linzer Theater Phoenix wußte jüngst Schillers "Räuber" zur - allerdings bestens durchdachten - Party umzufunktionieren. Diskussionston Sitzt man dann bar jeglicher Theatereffekte im gleißenden Licht des Gerichtssaals, wähnt man sich gern in der Volkshochschule. Doch Belehrung ist nicht die Absicht von Regisseur Walter Hiller, Schauspieler Dietmar Nigsch verharrt im Erzähl- und Diskussionston. Sein Tugendappell (nach Texten von Platon und anderen Denkern bis zur Gegenwart) - gehalten vor einer gewinnsüchtigen Gesellschaft - verlangt äußerste Konzentration. Nichts darf stören, auch die Abstimmungsbohnen in den Publikumsreihen waren somit überflüssig. Das Schicksal des vernunftorientierten Sokrates ist besiegelt. Nigsch vermittelt es gelassen . . . Pointiert Weiße Kostüme hat Renate Schuler den Schauspielern geschneidert, damit sind sie nackt, bieten Projektionsflächen, nur Maria Hofstätter trägt Kothurne und gelegentlich - wenn sie in die Rolle antiker Mimen schlüpft - eine Maske. Die Rolle wechseln darf sie oft, Regisseurin Silvia Bra bietet eine mitunter kabaretthafte Auseinandersetzung mit der Figur der Warnerin und zielt dabei vor allem auf ein Dilemma der modernen Gesellschaft, in der der Wahrheitsgehalt der vielen Informationen für den einzelnen nicht mehr überprüfbar ist. Im szenenreichen, pointierten Spiel mit Mythos und Vorurteilen gegenüber Frauen wird die Vielschichtigkeit entfacht und auf jeglichen Fingerzeig verzichtet. Ein gelegentlicher Leerlauf ist nicht auf die äußerst wandlungsfähige Schauspielerin zurückzuführen, sondern darauf, daß sich einige Erkenntnisse wiederholen bzw. nur in Variationen "auftreten". Viel Applaus im Gerichtssaal. |