Werner Schwab
Volksvernichtung
oder mein
Leben ist
sinnlos

 

"Schwab-Deutsch" hat
seinen Reiz
Egdar Schmidt
VN-Heimat 25.5.2000

     

Das von Schauspieler Dietmar Nigsch und Regisseur Walter Hiller repräsentierte Projekttneater widmet sich derzeit einem seiner bevorzugten Autoren - dem vor sechs Jahren tragisch verstorbenen, als Skandalautor apostrophierten Österreicher Werner Schwab.

Mit einer Handvoll Bühnenwerken (in unserer Region sind dessen ,,Präsidentinnen" eben durch das Projekttheater zu einem Renner geworden) schrieb sich Schwab in die österreichische Literaturgeschichte; und - wovon man cher Autor nur träumen kann - das sperrig-reizvolle ,,Schwab-Deutsch" ist zum markanten verbalen Markenzeichen des Aufregers geworden. Die als ,,Radikalkomödie" bezeichnete ,,Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" von Werner Schwab hatte im Pförtnerhaus erfolgreiche Premiere und wird nun noch dreimal gespielt.

Grelles Inferno

Bühnenbildnerin Erika Lutz realisiert Schwabs ,,Volksvernichtung" an drei Schauplätzen (Ausstattung: Renate Schuler). Links vorne hausen in einem erbärmlichen Kabinett mit Kitschmadonna im Herrgottswinkel die bigotte Frau Wurm (Christine Aichberger) und ihr verkrüppelter Sohn Hermann (Dietmar Nigsch), ein ,,Maler", der seinen Lebensfrust im Hass auf seine beschränkte Mutter abreagiert und ihn in ekstatisch hingepinselten Bildern auskotzt.

Frau Wurm hingegen antwortet mit frömmelnder Ermahnung und dem Besen. Rechts tummelt sich in einer modern-sterilen Fauteuil Landschaft die billige Familie Kovacic - zwei permanent geile, grell dekorierte Töchter a la Nina Hagen (Gunda Hoffman und Brigitte Walk) mit ihrem saufenden Vater-Lüstling (Alois Frank) und der zwischen Hure und Bürgerglucke pendelnden Mutter (Maria Hofstätter).

Die Mitte der Bühne beherrscht eine riesige schräge Tischplatte, an der die Vermieterin Frau Grollfeuer (Renate Köhn) residiert, eine zynische Herrin über Leben und Tod von Dürrenmatt'schem Profil. Die Schlusspointe sei nicht verraten.

Exzellente Darsteller

Der Plot ist bei Schwab (fast) Nebensache - die Figuren erschaffen und vernichten sich selbst durch die Sprache des ,,Schwab Deutsch", ein vorerst fremdes, wenn auch großteils originelles Konglomerat, das sich um übliche stilistische und grammatikalische Normen nicht kümmert die Figuren aber plastisch charakterisiert. Und diese häufig sprachparodistischen, ja skurrilen Züge machen den Blick in das psychologische Inferno der Schwab'schen Protagonisten erst recht makaber und erschreckend. Regisseur Walter Hiller setzt auf Action und leicht klamaukigen Augenschmaus bei den Wurms und den Kovacics, verleiht der dämonischen Grollfeuer und ihren Monstermonologen aber - gut kontrastierend - den Touch antiker Statik. Und alle Darsteller agierten exzellent - die jammernde Kümmernis Christine Aichbergers, der hasserfüllte Komplexier von Dietmar Nigsch, Maria Hofstätters pralle Mutternutte, Alois Franks schmieriger Grapsch-Papa, Gunda Hofman und Brigitte Walk als sich stets räkelnde Sexy-Schlangen und Renate Köhns Racheengel Frau Grollfeuer. Man muss kein Schwab-Fan sein, aber allein der fulminanten Inszenierung wegen sollte kein Theaterfreund diese Produktion versäumen.